Hattinger Stadtgeschichte

Die Grünfläche, auf der das Getreidefeld wachsen soll,  liegt stadtgeschichtlich betrachtet in der Stadtfeldmark „vor dem Heggerthore“. Die (Stadt-)Feldmark gehörte zum Hattinger Stadtgebiet, lag jedoch außerhalb der Stadtmauern. Sie bestand überwiegend aus Acker- und Gartenland und diente vorrangig zur Selbstversorgung der Hattinger Bevölkerung.

Zu den dörflichen Zeiten Hattingens wurde die Feldmark vorzugsweise als Ackerland genutzt. Die Gärten zum Anbau von Gemüse und Obst lagen noch unmittelbar bei den Hofstellen. Ein wesentliches Merkmal der mittelalterlichen Stadtwerdung ist der stetige Bevölkerungszuwachs und die damit einhergehende bauliche Verdichtung. Auf den alten Hofstellen wurden  sogenannte anhangende Häuser errichtet, um für die Neubürger Platz zu schaffen. Auf dem Grund der etwa 50 frühen Hofstellen stehen im 16. Jahrhundert mindestens 160 Häuser innerhalb der Stadtbefestigung. Auch die neuen „burgaere“, Bürger, überwiegend Handwerker und Kaufleute,  mussten sich noch weitgehend selbst versorgen und so wurde die Feldmark  nach und nach parzelliert und in Gärten umgewandelt.

Blick vom Rathaus um 1920

Die Gärten waren von Hecken begrenzt und so entstand allmählich eine typische Heckengartenlandschaft.  Die „hegge straete“, Heggerstrasse hat ihren Namen  vermutlich der Wegführung mitten durch die Heckengärten zu verdanken. Die Grünfläche gehörte zum im Volksmund „Pastorskamp“ genannten Teil der Feldmark. Ein „Pastorskamp“, heute meist als Straßenname überliefert, gibt es in zahllosen Städten. Die Bezeichnung verweist auf auf ein Grundstück,das durch Selbstnutzung oder Verpachtung dem Unterhalt des Pastors diente. In den Pfarrhäusern der Kirchengemeinden, die nach 1517 „evangelisch“wurden, lebte nun nicht mehr ein  einzelner, zölibatärer Geistlicher, sondern große Familien. Zu deren Versorgung  erwarben viele Kirchengemeinden zusätzlich Gartenland. Der Begriff „Pastorskamp“ ist für  solche Gartenstücke offenbar geläufig geworden.

Die Reformation setzte sich in Hattingen erst um die 1580er-Jahre herum durch, so dass in unserem Fall vermutlich beabsichtigt wurde, durch Verpachtung dauerhaft, zuverlässige Einnahmen für die Kirchengemeinde zu erzielen. Die Kirchengemeinden finanzierten sich hauptsächlich aus Zuwendungen und Schenkungen aller Art und den Erträgen aus der Verpachtung kircheneigenen Grundes. Eine Kirchensteuer im heutigen Sinn wurde erst 1905 eingeführt. Einen unmittelbar kausalen Zusammenhang zwischen der Einführung der Kirchensteuer und dem Verkauf des Pastorskamp  an die Stadt im Jahre 1908 gibt es wohl nicht, denn zu dieser Zeit befindet sich das Grundstück bereits in Privatbesitz.

Das neue Rathaus um 1910

Auf dem Pastorskamp wird das 1910 eingeweihte neue Rathaus mit einem angrenzenden kleinen Park errichtet. Die Wohnbebauung ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht weit über den mittelalterlichen Stadtkern hinausgewachsen. Die Gärten sind nach wie vor Nutzgärten. Ein nach persönlichem ästhetischen Empfinden gestalteter Ziergarten und Freizeitgärtnerei ist purer Luxus. Die, mindestens teilweise, Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln wie Getreide, Kartoffeln, Gemüse, Rüben, Kohl, Obst und dergleichen, ergänzt durch Kleinviehhaltung war jahrhundertelang selbstverständlich. Zu mittelalterlichen Zeiten wirtschafteten die allermeisten Leute, ca. 95 % der Bevölkerung, auf gepachtetem Grund und Boden und versorgten mit ihren Abgaben Grundherren, Adel und Klerus.Heutzutage arbeitet weniger als 1 % der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft.

 

Obermarkt 1908 – Untermarkt 1925

Ebenso wie die Bevölkerungszunahme, ist die Ausdifferenzierung der Berufe, angefangen mit den Handwerksberufen, ein Merkmal der mittelalterlichen Stadtwerdung. Verlässliche statistische Zahlen gibt es erst aus dem Jahre 1722. Die amtliche Erhebung des preußischen Steuerrates F. W. Motzfeld  zählt insgesamt 1066 Einwohner, davon 236 „Berufstätige“ in 23 Gewerken. Schneider, Bäcker, Schmiede, Hutmacher, Knopfmacher, Tuchweber, Apotheker, Barbiere  usw.

In einer überwiegend durch Handwerker und Kaufleute geprägten Stadt steigt die Zahl der Personen die sich nicht mehr größtenteils selbst versorgen kann, folglich kontinuierlich an. Man versorgt sich auf dem Wochenmarkt. Seit der Verleihung der vollen Marktrechte im Jahre 1435 immer dienstags. Das Photo vom Obermarkt zeigt ein Marktgeschehen, dass sich zwei-, dreihundert Jahre zurückgedacht nicht viel anders dargestellt hat.

Der Samstag als Markttag kam erst ein paar hundert Jahre später dazu. Die dargebotenen Produkte stammen alle aus der unmittelbaren Umgebung. Es gab fast nur „regionale“, höchstwahrscheinlich sogar nur „lokale“ Produkte.

Im Vergleich der beiden Marktbilder, fällt auf, dass das Publikum 1925 nicht mehr überwiegend derbe, bäuerliche Kleidung trägt sondern städtisch, modern gekleidet ist. Bei genauer Betrachtung sieht man  auf Obermarkt ein Pferdefuhrwerk, das Transportmittel dieser Zeit, während auf dem Bild vom Untermarkt im Gelinde ein zeitgenössischer Lastkraftwagen zu erkennen ist.

Der Hattinger Wochenmarkt wurde 1959 zum Rathausplatz verlegt.

 

Die Lebensmittelgeschäfte nach heutigem Verständnis entwickelten sich erst im 19. Jahrhundert. Beispielhaft genannt sei die Geschichte der Firma Hill, deren Ursprung auf ein 1855 gegründetes Lebensmittelgeschäft in Bredenscheid zurückgeht. Aus kleinsten Anfängen entwickelte sich ein Unternehmen mit über zweihundert Filialen und einer international vernetzten Großhandelswirtschaft mit Lebensmitteln. 1964 eröffnete die Firma Hill den ersten SB-Supermarkt in Hattingen, an der Heggerstrasse.

Spätestens zu dieser Zeit sind Nutzgärten  für die Versorgung der Bevölkerung praktisch bedeutungslos geworden. Auch wirtschaftlich spielt der „eigene“ Garten keine Rolle mehr. Lebensmittel sind allzeit verfügbar und so billig geworden, dass der eigene Anbau aus Sparsamkeitserwägungen in der Regel unsinnig ist.

Durch den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem 2. Weltkrieg verdoppelte sich die Zahl der Einwohner nahezu, in kürzester Zeit auf etwa 30.000 Einwohner. Notwendigerweise wird in großem Umfang neuer Wohnraum geschaffen. Ganze Stadtteile, wie die Südstadt oder das Rauendahl, entstehen. Das über jahrhunderte landwirtschaftlich genutzte Umfeld des Stadtkerns wurden nach und nach überbaut. Übrig geblieben und niemals überbaut worden ist „vor dem Heggerthore“ eine kleine Fläche bei Schreys Gasse und dieses Wiesenstück auf dem das Getreidefeld wachsen soll. 

 

Luftbild von 1920 und im Vergleich von 2009


Eine umfassende und detaillierte Darstellung der Hattinger Stadtgeschichte bietet:

  • Das mittelalterliche Hattingen- von Dr. Heinrich Eversberg
  • Die neue Stadt Hattingen- von Dr. Heinrich Eversberg erhältlich beim Heimatverein
  • Hattingen Chronik- von Thomas Weiß/Stadtarchivar erhältlich im Buchhandel

Literatur zur Stadtfeldmark :

Acta spec. Des Magistrats zu Hattingen: “Die Stadtfeldmark und ihre Grenzen” bearbeitet von Helmut Fischer, Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv Heft 11

Ausgewählte Texte zum Thema Ernährung: 


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