Die Kohlentransportbahn von Zeche Alte Haase zum Gemeinschaftswerk Hattingen

Zusammengestellt und geschrieben von Josef Katzer, Richterskamp 5, 45525 Hattingen 2008

 

Nachdem die Sprockhöveler Zeche Alte Haase 1925 stillgelegt werden sollte, verhinderte die Belegschaft durch Besetzung der Anlage deren Stilllegung. Um die Zeche vor dem Absaufen zu retten, fuhren die Kumpels freiwillig Sonderschichten und förderten Kohle, damit die Wasserhaltung gewährleistet war.

Alte Haase mit Seilbahn

Füllstation auf Alte Haase

Die Angelegenheit sprach sich bis zur Regierung in Berlin herum. Durch Vermittlung des Wirtschaftsministeriums übernahmen die Vereinigten Elektrizitätswerke 1926 die Schachtanlage und die Förderung kam wieder in Gang. Von da an, bis zur endgültigen Stilllegung der Zeche 1969, belieferte Alte Haase das Hattinger Elektrizitätswerk mit Kohle.

Damit man die geförderte Kraftwerkskohle möglichst elegant anliefern konnte, plante die Werksleitung eine Seilbahn von Alte Haase zum Gemeinschaftswerk. Gegen den erheblichen Widerstand der Bevölkerung wurde die Seilbahn 1928 gebaut. Auch damals galt: Ökonomie geht vor Ökologie.

Die Bahn nahm ihren Anfang im Kohlenbunker der Zeche, ging in Richtung Bredenscheid – Hölteregge Kleine Kuh – an der Schule vorbei in Richtung Antoniusheim zum Zechenplatz Johannissegen, überquerte dort die Ziegelei und passierte hinter der Ziegelei eine Winkelstation. Von da ab fuhr sie weiter über das Kellerlöhken, überquerte die Elfringhauserstraße, den Lichtenbruch und die Schreppingshöhe. Weiter ging es durch den Schulenbergwald zum Homberg.

Ziegelei Johannissegen

Lichtenbruch, Schreppingshöhe

 

 

 

 

 

 

 

Auf der Hangseite zum Ruhrtal hin stand eine große Winkelstation mit dem Antrieb der Seilbahn und einer Waage. Dort wurden die Transportkübel registriert und automatisch gewogen. Gleichzeitig wurde die Seilbahn um gut 110 Grad umgelenkt und es ging in kühnem Schwung hinunter ins Ruhrtal zur Entladestation im Gemeinschaftswerk.

 

Winkelstation auf dem Homberg

Die Länge der Seilbahn betrug 7 Kilometer. Während der Lieferzeiten durchfuhr alle 50 Sekunden ein mit rund 700 kg Kohle beladener Kübel die Antriebsstation am Homberg. Besondere Bedeutung erlangte die Seilbahn währen des Zweiten Weltkrieges. Damals fuhren die Kübel ununterbrochen 24 Stunden am Tag und beförderten bis zu 17.000 Tonnen Kohle monatlich.

Entladestation im Gemeinschaftswerk

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Förderung mit der Seilbahn stetig zurück und erreichte um 1963 einen Tiefststand von rund 1500 Tonnen im Monat. Zu diesem Zeitpunkt war die Anlage veraltet und unwirtschaftlich geworden. Eine Modernisierung lohnte sich nicht mehr. Der Kohlentransport über Straße und Schiene war billiger. Außerdem zeichnete sich allmäh- lich die Stillegung von Alte Haase ab, welche 1969 erfolgte.

Anfang 1964 beschloss die Betriebsleitung die Stilllegung und den Abriss der Seilbahn. Die Abbruchgenehmigung wurde im Januar 1965 vom Ennepe – Ruhr – Kreis erteilt. Im Herbst des gleichen Jahres erfolgte der Abbruch der Seilbahn.

 1,5 Millionen Tonnen Kraftwerkskohle transportiert

Der erste Transportkübel verlässt die Ladestation auf Alte Haase

In einem Zeitraum von rund 38 Jahren wurden auf der Seilbahn zirka 1,5 Millionen Tonnen Kraftwerkskohle von Alte Haase zum Gemeinschaftswerk transportiert und verstromt. Das war nur durch das beherzte Eingreifen der Belegschaft im Jahre 1925 und der Übernahme der Zeche Alte Haase von den Vereinigten Elektrizitätswerken möglich und es wurden über Jahrzehnte Arbeitsplätze gesichert.

Der Betrieb der Seilbahn ging natürlich nicht immer reibungslos vonstatten. Es gab auch die eine oder andere Havarie. Davon zeugen zwei Aufnahmen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Augenscheinlich sind die Unfälle glimpflich abgelaufen.

Kübelsalat 1

Kübelsalat 2

 

 

 

 

 

 

Heute sind die Ereignisse von 1925, welche zum Bau der Seilbahn führten, Geschichte, genauso wie Alte Haase und das Gemeinschaftswerk. Geblieben sind uns eine Reihe von Fotos und Dokumente aus Büchern und Archiven. Geblieben ist auch die Erinnerung und so manche Geschichte über die Seilbahn. Besonders in der älteren Bevölkerung zwischen Hattingen und Sprockhövel ist sie noch lebendig.

Die Kübel schweben zum Gemeinschaftswerk

Der ehemalige Ortsvorsteher von Bredenscheid, Herr Werner Hüninghaus, berichtet folgendes:

Im Bereich des Zechenplatzes von Bredenscheid senkte sich die Seilbahn so tief, dass sich die Jungs mit einem beherzten Sprung an die vorbeischwebenden Kübel hängten und mitfuhren. Auf der Wiese zwischen Zechenplatz und Elfringhauserstraße ließ man los und plumpste in die Wiese.

Aus der schlechten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wird erzählt:

Die Seilbahn wurde auch Opfer des Kohlenklaus. Findige Zeitgenossen organisierten einen LKW, fuhren damit an eine passende Stelle unter einen Transportkübel, klinkten ihn mit einer Stange aus und der Hausbrand für den Winter war gesichert. Auf der Entladestation im Ge- meinschaftswerk wunderte man sich, warum nach dem Anstellen der Seilbahn immer eine ganze Reihe leerer Kübel einschwebten. Irgendwann wusste man Bescheid und stellte die Bahn nach passieren des letzten Kübels ab. Somit war der Kohlenklau unterbunden.

Seilbahnverlauf Zecher Alte Hase

Ich selbst habe folgende Erinnerung an die Seilbahn:

Eine von mehreren Schutzbrücken

An schönen Sonntagen trafen sich meine Eltern und ich mit Vaters beiden Schwestern, dem Schwager, Vaters Bruder, mit Schwägerin und meinem Cousin zum Spaziergang nach Bredenscheid. Damals wohnte Vaters anderer Bruder in Bredenscheid oben An der Heide. Von der Nordstraße aus ging’s über die Waldstraße in den Schulenberg bis zur Seilbahn. Auf der Seilbahntrasse wanderten wir bis nach Breidenscheid. Dort wartete die Tante schon mit Kaffee und Kuchen. Ein besonderes Erlebnis war immer die Busfahrt zum Onkel. Oberhalb von der heutigen Habichtstraße biegt die Elfringhauser Straße im rechten Winkel ab. Damals war die Straße noch nicht ausgebaut und machte einen bösen Ellenbogen nach rechts. Zudem befand sich eine Steigung vor der Kurve und sofort dahinter überquerte die Seilbahn die Straße. Vor herabfallenden Kohlebrocken schützte eine Schutzbrücke die Straße. Solche Schutzvorkehrungen gab es einige. Ich weiß bis heute nicht, wie es die Busfahrer durch dieses Nadelöhr geschafft haben, besonders wenn man mit den Anderthalbdecker unterwegs war.

 


Quellennachweis:

Bilder 1-4, 9-15 Stadtarchiv Hattingen

Bild 5 und 17 aus „Gemeinschaftswerk Hattingen“ Seite 22, 23

Bild 6 aus „Gemeinschaftswerk Hattingen“ Seite 31

Bild 18 aus „Auf Kohle gebaut“ Seite 86

Bild 8 Abbruchgenehmigung vom 22.01. 1965 Bauakte Stadtarchiv Hattingen Bild 19 Topgraphische Karten Bauakte Stadtarchiv Hattingen

Verwendete Literatur:
Gerd Heymann
AUF KOHLE GEBAUT
Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen Aktiengesellschaft Innerbetriebliche Information

Bildband
Gemeinschaftswerk Hattingen
Herausgegeben von der Gemeinschaftswerk GmbH im November 1960

Zusammengestellt und geschrieben von Josef Katzer, Richterskamp 5, 45525 Hattingen 2008

 

Kategorien: Wissenswertes

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